Rezension: Karin Kalisa – Sungs Laden

Ein vietnamesischer Sommertraum

 

Sungs Laden von Karin Kalisa.

Staatsformen sind in ihrem Ursprung immer Visionen von Gemeinschaft, von der bestmöglichen Form sozialer Organisation. Eine Verheißung von Glück, vom verantwortungsvollen Miteinander; das Versprechen vom Genug-für-Alle. Schon bei Platons idealem Staat soll jedem Menschen ein wirkungsvoller, gerechter Platz im gesellschaftlichen Gefüge zukommen. Doch die Realität bleibt bekanntermaßen nur allzu oft hinter solch idealistischen Ansprüchen zurück.

Karin Kalisa versucht es trotzdem: In ihrem Debütroman Sungs Laden beschreibt die Asienwissenschaftlerin eine Welt, wie sie sein könnte, ein alternatives Berlin-Prenzlauer Berg. Fernab von gutbürgerlicher Latte-macchiato-Kultur entwickeln sich hier neue Formen von Gemeinschaft, ausgelöst durch die von einem betretenen Schuldirektor ausgerufene „weltoffene Woche“. Zu dieser Woche soll der kleine Minh, dessen Großmutter als Vertragsarbeiterin aus dem vietnamesischen „Bruderstaat“ in die DDR kam, ein Kulturgut aus seiner Heimat mitbringen. Womit keiner rechnet: Minhs Großmutter Hiền lässt ihre Wassertheaterpuppe Thủy eine Geschichte erzählen, halb Märchen, halb Autobiografie, verzaubernd und zerbrechlich. Es folgen verwunschene Monate, ein ganzes Jahr gar, in dem fernöstliche Seidenstoffe und vietnamesische Kegelhüte nur der Anfang einer Bewegung sind, welche die Menschen im Kiez näher zusammenbringt. Aus Theaterpuppen werden Protestpuppen gegen Raumnot an Schulen, in Nacht-und-Nebel-Aktionen entstehen Brücken zwischen den Häusern und deren Bewohnern, und selbst der grimmige Tischler Lý Phong fängt wieder an zu lachen. Und im Mittelpunkt des Ganzen – quasi als Epizentrum – befindet sich der Gemischtwarenladen von Minhs Vater Sung.

Mit einer leichtfüßigen, bildreichen Sprache entwirft Kalisa einen Roman voller Möglichkeiten des Miteinanders, inspirierend und dynamisch, und auch ein kleines bisschen anarchistisch. Am Ende ist klar: Die Realität muss gar nicht immer hinter unseren Ansprüchen zurückbleiben. Auch sie ist nur das, wozu wir sie machen.

Ein beeindruckender Debütroman, ebenso poetisch wie pragmatisch, detailreich und tiefgründig ausgearbeitet, fest in der Wirklichkeit verankert und dennoch von nahezu visionären Traumbildern durchsetzt.

Karin Kalisa: Sungs Laden. C.H.Beck Verlag 2015, 255 Seiten. 19,95 €.


Diese Rezension erschien erstmalig in der Buchkultur Nr. 162, Ausgabe Okt./Nov. 2015.

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