Rezension: Ingvild Rishøi – Winternovellen

Funkelnde Wintermomente

 

Winternovellen von Ingvild Rishøi.

Winternovellen von Ingvild Rishøi.

Im verschneiten Oslo wirbeln Menschenschicksale umher wie Schneeflocken. Eine junge, alleinerziehende Mutter, ein frisch aus dem Gefängnis entlassener Vater, ein schulpflichtiges Mädchen mit zwei jüngeren Geschwistern – sie alle kämpfen. Sie kämpfen um ein Auskommen mit nur 60 Kronen für ein ganzes Wochenende, um eine erfolgreiche Bewältigung des Alltags, wenn man gar nicht mehr so richtig weiß, was Alltag ist, und um den Zusammenhalt ihrer Familien. Ingvild Rishøi schreibt von Lebensläufen, in denen es ganz anders gekommen ist, als man wollte; von der stillen Verzweiflung der sozial Schwachen und oftmals schon fast Abgehängten, aber auch von Wärme, Zuneigung und Fürsorge. Von der helfenden Hand, die sich ausstreckt, vielleicht gerade dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Sie schreibt von Menschen, die zupacken, weil sie wissen, dass genau dies ihre letzte Chance sein könnte.

Rishøis Sprache ist dabei von einer kristallinen Zartheit und Reife. Anstatt schlicht zu beschreiben, offenbart sie sich, legt einen vorsichtigen Finger auf Wahrheiten wie offene Wunden, die man nur versorgen kann, wenn man sie sich eingesteht, ans Tageslicht holt. Nur am Tageslicht ist ein Leben in Würde möglich. Die daraus entstehenden Novellen – drei an der Zahl – sind von seltsamer Schönheit; sie sind karge Klippen, an denen Schiffe zerschellen, von denen aus man aber auch einen Ausblick auf ungeahnte Weiten erlangt. Für die Winternovellen erhielt Ingvild Rishøi unter anderem den Kritikerpreis für das beste norwegische Buch des Jahres sowie den renommierten Brage-Preis für den besten Erzählungen-Band. Sie wirkt wie eine sichere Kapitänin auch im wüstesten Schneesturm, eine, auf die man sich verlassen kann. Und selbst wenn man nach einem langen Winter vom Schnee eigentlich genug hat, vergisst man doch nicht, wie das einmal war, vielleicht vor langer Zeit – das federleichte Zu-Boden-Sinken, das sprachlose Staunen in der funkelnden Stille.

Wie Schneeflocken unter dem Mikroskop und genauso schnell geschmolzen: Ingvild Rishøis Winternovellen sind perfekt gebannte Schnappschüsse menschlicher Existenzen in ihren zerbrechlichsten, schönsten Momenten.

Ingvild H. Rishøi. Winternovellen. Übersetzt von Daniela Syzek. Open House Verlag 2015, 192 Seiten. 19,50 €.


Diese Rezension erschien erstmalig in der Buchkultur Nr. 164, Ausgabe Feb./März 2016.